Das Besondere im Selbstverständlichen erkennen

Interview mit SHEconomy gemeinsam mit Gerhild Deutinger über Erfolg, Vertrauen, Netzwerke und Neuanfänge

Sheconomy: Erfolg zu definieren ist gar nicht so einfach. Wie geht ihr an das Thema Erfolg heran?

Gerhild Deutinger: Erfolg ist einerseits sehr subjektiv konnotiert, anderseits gibt es objektive Parameter, die Organisationskulturen für sich festlegen. Das klingt kompliziert, meint aber Folgendes: Subjektiver Erfolg heißt, ich selbst bestimme für mich, was es heißt erfolgreich zu sein. Heißt es für mich, auf der Karriereleiter nach oben zu streben, heißt es in die Tiefe der Expertise »zu bohren« und die beste Spezialistin in meinen Fach zu werden oder bedeutet Erfolg für mich, viele verschiedene Dinge ausprobiert zu haben und ein breites Spektrum zu erwerben? Der »objektive« Teil von Erfolg wird vom jeweiligen Kulturumfeld geprägt. Es gibt Branchen, bei denen ausschließlich der Aufstieg auf der Karriereleiter als erfolgreicher Maßstab gilt. Das versuchen wir in den Positionierungscoachings zu durchbrechen.

Sheconomy: Wie oft sollte man die eigene Positionierung hinterfragen und evaluieren?

Gerhild Deutinger: Immer dann, wenn der »Pullover, den man trägt« zu kratzen beginnt. Die Frühzeichen, dass die eigenen Stärken und Erwartungen nicht mehr zum Job, zur Branche, zu den Projekten oder den Kolleg*innen passt, erkennt man sehr rasch. Wir fühlen uns unwohl, werden im Redefluss unterbrochen, verlieren die bisherige Akzeptanz, stoßen an die berühmte gläserne Decke oder wundern uns über Merkwürdigkeiten.

Gabriele Strodl-Sollak: Dann wäre der Zeitpunkt, an der Positionierung zu arbeiten, ideal. Sobald Belastungen aus dem Beruf in das Privatleben übertragen werden, ist es auf jeden Fall überfällig. Sich aber andauernd in Frage zu stellen, halten wir jedoch nicht für das Beste. Das tun Frauen leider zu oft.

Welche Rolle spielt das Vertrauen in die eigenen Stärken, wenn es darum geht, sich zu positionieren?

Gabriele Strodl-Sollak: Der Mix von eigenen Stärken und Kompetenzen ist die Basis für jede Positionierungsarbeit. Vielen fällt es schwer, auf Knopfdruck ihre Signaturstärken zu nennen, so selbstverständlich finden sie diese. Oft ist das Feedback von anderen eine schöne Möglichkeit sich dem Selbstverständlichen zu nähern und es als etwas Besonders zu erkennen. Unsere Workshops starten im Vorfeld damit, sich mit beruflichen Weggefährt*innen zu treffen und diese Fremdwahrnehmung einzuholen. Mit diesem Auftrag aus dem Seminar fällt das vielen leichter, als aus eigenem Antrieb.

Eine ganz einfache und effektive Übung ist, spätestens am Abend darüber nachzudenken, was habe ich heute gut gemacht? Wofür bin ich dankbar? Die Mindset-Profis machen das tagsüber schon zwischendurch – beim Kaffeeholen zum Beispiel: Das Telefonat habe ich gut geführt, dieses lästige To Do ist jetzt erledigt, der Kollegin habe ich in freundlicher Weise die herübergeschobene, zusätzliche Arbeit diesmal abgesagt. Das ist eine Haltung sich selbst gegenüber und wir können sie lernen.

Mich berührt immer wieder die Geschichte vom Pferdeflüsterer Monty Roberts. In einem gewaltvollen Umfeld aufgewachsen, oft von seinem Vater geschlagen und auf jeden Fall eine zweistellige Anzahl von Knochenbrüchen im Jugendalter, ist er bekannt geworden durch seinen besonderen Umgang mit traumatisierten und schwierigen Pferden. Er strahlt etwas Gütiges aus, das er über sein ganzes Leben kultiviert hat. Eine positive, liebevolle Haltung kann jede von uns einüben.

Wie geht ihr mit Phasen der Orientierungslosigkeit um?

Gabriele Strodl-Sollak: Der Mistplatz ist mein bester Begleiter in dieser Phase. Ordnerweise wird geschreddert, auch online lösche ich was das Zeug hält. Und dann ist gleich mehr Platz für Neues. In dieser Phase lese ich nächtelang, besuche Vorträge und schaue, dass ich mit Laufen den Kopf frei bekomme. Und siehe da, manche Impulse verfestigen sich und andere lösen sich in Nichts auf. Letzten Sommer war so eine Phase, meine Tochter ging für ein Jahr ins Ausland und da hat es auch mich gejuckt, wieder neue Akzente zu setzen. Ich habe kurz darauf bei der Video-Coaching-Plattform Sharpist angeheuert. Seit dem Winter coache ich recht intensiv Menschen in ihrer beruflichen Veränderung, mit ihren Fragen zur Kommunikation und wie sie besser gesehen und gehört werden.

Welche Rolle spielen Netzwerke für euch?

Gabriele Strodl-Sollak: Manchmal bleibt man hinter den eigenen Erwartungen zurück – mit den formellen Business-Netzwerken ist das bei mir jedenfalls so. Dafür sind meine informellen Netzwerke extrem tragfähig. Oft sind es Subgruppen von Ausbildungen, in denen ich aktiv bin. Und ich kompensiere. Wenn ich eine Person kennenlernen mag oder sie mich interessiert, spreche oder schreibe ich sie einfach an. Das habe ich in der PR mit Journalist*innen gelernt. Zuerst schaue ich, was diese Person interessiert und dann mache ich ein möglichst unwiderstehliches Angebot und lasse nicht locker. Aktuell arbeite ich an einem Buch für ambitionierte Frauen, die Changemakerinnen in einer maskulinen Business-Welt sein wollen. Die Interviewpartner*innen, die ich mit dabeihaben will, bei denen melde ich mich einfach. Und das klappt großteils.

In den vergangenen Monaten war häufig von Neustart und Neubeginn die Rede. Welche konkreten Tipps habt ihr für Frauen, die sich auf einen völlig neuen Karriereweg begeben möchten?

Gerhild Deutinger: In der Krise haben wir eingeschränkte Möglichkeiten: Einige reagieren mit Überaktivität und Aktionismus, andere flüchten sich in Bekanntes und Vertrautes, dritte reagieren mit Paralyse und sind bewegungs- und antriebslos. Die meisten Krisenreaktionen sind kein gutes Fundament für den Neustart. Da heißt es nun einmal innehalten, den Krisenmodus verlassen und in Ruhe planen. Oft hilft hier die Rückbesinnung auf die eigenen Stärken – die vor der Krise galten und die jetzt immer noch vorhanden sind.

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